Populäre Mythen, Missverständnisse und historische Streitpunkte 
Populäre Mythen, Missverständnisse und historische Streitpunkte

Bereits in der Renaissance wurde die Epoche zwischen der Antike und der damaligen Gegenwart als ein Zeitalter betrachtet, in dem das Wissen und die Werte der antiken Kulturen in Vergessenheit geraten waren, woraus sich die kulturelle und geistige Unterlegenheit des Mittelalters ableiten ließ. Diese Bewertung wurde im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Romantik übernommen und weiter ausgebaut, wobei die Rezeption vergangener Zeiten gemäß der Aufklärung, der Moral des Viktorianischen Zeitalters und durch „Fortschrittsgläubigkeit“ und Vernunftsorientierung beeinflusst wurde. Dadurch entstand im 19. Jahrhundert eine moderne und bis heute populäre Rezeption des historischen Mittelalters, die im Großen und Ganzen eher auf dem romantischen Zeitgeist als auf historischen Quellen basiert. Im Laufe der Zeit haben sich auf diese Weise Vorstellungen vom historischen Mittelalter herausgebildet, die keine historische Grundlage haben und sich dennoch einer breiten Bekanntheit erfreuen.

Die Menschen des Mittelalters glaubten, die Erde sei flach.

Dieses moderne Vorurteil wird durch historische Quellen nicht gestützt. Die bekannteste Abbildung, welche oft als symbolischer „Beweis“ herangezogen wird, ist der Holzstich von Flammarion, der jedoch aus dem Jahr 1888 stammt und deshalb nichts beweist. Die Behauptung, Menschen des Mittelalters glaubten, dass die Erde flach sei, taucht zum ersten Mal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Vor allem Washington Irving trug wesentlich zur Festigung des Mythos bei. In seiner Kolumbus-Biografie von 1828 unterstellte er den Matrosen, sie hätten Angst gehabt, vom Rand der „Erdenscheibe“ herunterzufallen. Die im Mittelalter maßgeblichen Ideen des Aristoteles und das ptolemäische Weltbild beschreiben die Erde als eine Art Sphäroid, für die Gelehrten des Hochmittelalters war daher die Vorstellung einer „Erdenscheibe“ abwegig.

Menschen im Mittelalter waren ungebildet, rückständig und abergläubisch.

Diese Vorstellung trifft auf große Teile der Gesellschaft zu. So lag die Alphabetisierungsrate in Europa noch im 16. Jahrhundert (also dem Beginn der Neuzeit) bei nur 20 Prozent. Im Mittelalter wirkten allerdings auch bedeutende Gelehrte, etwa Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Roger Bacon und Meister Eckhart. Die Gründung von Universitäten, der Ausbau der Städte, technologische Fortschritte (z. B. die Erfindung der Brille) sowie umfangreiche zeitgenössische Überlieferungen widersprechen nach Einschätzung der Historikerin Karin Schneider-Ferber der Annahme eines „barbarischen“ Mittelalters.

Die arabische Welt brachte die Wissenschaft nach Europa.

Es ist unter Historikern umstritten, wie groß der Einfluss der arabisch-islamischen Welt auf die Bewahrung der griechisch-römisch-antiken Wissenschaft und deren Rückkehr nach Europa war. Nach dem Zusammenbruch des einheitlichen Römischen Reiches gingen viele Werke der antiken Wissenschaftler und Philosophen verloren, unter anderem Schriften über Mathematik, Astronomie und Medizin (siehe Bücherverluste in der Spätantike). Viele davon fanden Eingang in die arabisch-muslimische Welt und lagen in arabischer Übersetzung vor, so dass viele Werke z. B. von Aristoteles und Euklid, die in Europa verloren gegangen waren, erst im Zuge der Reconquista und der Kreuzzüge quasi eine Rückführung nach Europa erfuhren. Dabei profitierte der Westen auch von den Werken arabischer Philosophen und Denker, die noch jahrhundertelang die westliche Wissenschaft entscheidend mitgeprägt haben. Andererseits gab es nach Einschätzung anderer Historiker in Europa bereits im 8. Jahrhundert weitreichende Bildung und regelrechte Bildungszentren. Vor allem die sogenannte karolingische Renaissance widerlege die Vorstellung, die westliche Wissenschaft sei komplett aus dem Orient übernommen worden. Ebenfalls weit verbreitet ist die Vorstellung, dass wichtige Erfindungen wie Schwarzpulver, Papier, Buchdruck, Armbrust, Kompass und Fernrohr allesamt aus China oder Persien übernommen worden seien. Das Schwarzpulver gelangte vermutlich durch die Expansion des Mongolischen Reiches nach Europa, und das Papier fand nachweislich entlang der Seidenstraße seinen Weg nach Europa. Zu den meisten chinesischen Erfindungen existieren jedoch europäische Gegenstücke, die oft bis in die römisch-griechische Antike reichen und keinen chinesischen oder persischen Einfluss erkennen lassen. Man geht heute davon aus, dass die meisten dieser Erfindungen keine Kopien oder Übernahmen, sondern eigene Parallelentwicklungen darstellten.

Gewalt, Krieg und Seuchen waren allgegenwärtig; die Lebenserwartung war gering.

Obwohl es in Europa zwischen 500 und 1500 zahlreiche Kriege gab, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass diese mit größerer Brutalität oder Rücksichtslosigkeit als in der Neuzeit geführt wurden. Außerdem ist in der Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert ein deutliches Bevölkerungswachstum sowie eine Ausbreitung des Siedlungsgebietes feststellbar, was auf die günstigeren Klimabedingungen zurückzuführen ist. Auch die Vorstellung, die Menschen im Mittelalter seien körperlich klein gewesen, ist heute weitgehend widerlegt. Untersuchungen an Skeletten in den letzten Jahrzehnten haben ergeben, dass die mittelalterlichen Menschen etwa gleich groß waren wie Europäer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Europa erlebte im Hochmittelalter eine ausgeprägte Wärmeperiode, im Süden Englands wurde Wein angebaut. Erst im 14./15. Jahrhundert verschlechterte sich das Klima während der sogenannten Kleinen Eiszeit; die damit verbundene Mangelernährung wirkte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten auf die durchschnittliche Körpergröße aus.

Die Pest als dominierende Seuche des Mittelalters

Diese Einschätzung der Pest ist abwegig, denn zwischen der Justinianischen Pest und der spätmittelalterlichen Pandemie lagen vom 8. bis zum 14. Jahrhundert mehr als 500 „pestilenzfreie“ Jahre. Laut den neuesten Erkenntnissen der Genetik war der Erreger, der für die spätmittelalterliche Pandemie 1347–1353 verantwortlich war, ein zu dieser Zeit neu entstandener Stamm von Yersinia pestis. Da die modernen für Tier und Mensch gefährlichen Yersinia-Varianten von diesem Urtyp (oder eventuell seinen Varianten) abstammen und sich untereinander nur wenig unterscheiden, geht man davon aus, dass die extreme Virulenz des mittelalterlichen Yersinia-Typs mit mangelnder Immunität der Bevölkerung (was bei neuen und aggressiven Erregern oft der Fall ist) und den ungünstigen gesellschaftlichen Verhältnissen zusammenhängt. „Mangelnde Hygiene“ und „Fehlen medizinischer Kenntnisse“ waren demzufolge nicht die alleinigen Ursachen der Pandemie. Die nachfolgenden Epidemien verliefen wegen der immunologischen Anpassung der Bevölkerung und dank medizinischer Erkenntnisse bei weitem nicht so dramatisch. Weil es sich um eine bis dahin unbekannte Seuche handelte, waren die Gelehrten zunächst ratlos; ihre Unkenntnis konnten nur im Verlauf der Zeit ausgeglichen werden. Die mittelalterliche Yersinia-Variante im 13. bis 14. Jahrhundert war wahrscheinlich in China entstanden und kann damit nicht für Epidemien der Spätantike und des Frühmittelalters verantwortlich sein.

Die niederen Stände mussten ständigen Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit erdulden.

Das Bild vom geschundenen Bauern in zerlumpter Kleidung wurde vor allem durch Filme über das Mittelalter populär. Tatsächlich war das Leben der niederen Stände weniger entbehrungsreich, als heute oft angenommen wird (siehe dazu Esskultur des Mittelalters). Der durchschnittliche Fleischverbrauch pro Kopf war im Mittelalter ca. siebenmal so hoch wie im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts und immer noch höher als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Während der mittelalterlichen Warmzeit waren Missernten viel seltener als später, was den sozialen und technologischen Fortschritt sowie die Expansion der Siedlungsräume ermöglichte. Außerdem ist zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ein rasanter Bevölkerungszuwachs nachweisbar, der nur bei ausreichender Ernährung stattfinden konnte. Klimatisch und jahreszeitlich bedingte Schwankungen in der Erntemenge und Nahrungsverfügbarkeit gab es zu allen Zeiten (Hunger im späten Winter), eine permanente Hungersnot lässt sich im Hochmittelalter aber nicht nachweisen.

Abwesenheit der Körperhygiene

Zahlreiche Badehäuser sind in mittelalterlichen Städten archäologisch belegt. In zeitgenössischen Schriften wird zu ausgedehnter Körperpflege und Hygiene gemahnt (z. B. Passionibus Mulierum Curandorum von Trotula, Regimen Sanitatis Salernitanum aus dem Umfeld der Schule von Salerno, Compendium Medicinae von Gilbertus Anglicus). Wie auch zu anderen Zeiten und in anderen Ländern war Hygiene eine persönliche Angelegenheit. Besonders im nördlichen Europa finden sich seit dem Frühmittelalter hölzerne Badehäuser und Dampfbäder, wie sie bis heute in Skandinavien und Osteuropa verwendet werden.

Willkür, Folter und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung.

Die Hexenverfolgung erreichte erst im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Bereits der Sachsenspiegel, ein bedeutender hochmittelalterlicher Rechtskodex, offenbart wohlstrukturierte Rechtsverhältnisse, große Teile des Lebens waren geregelt. Bürger und Bauern waren angesichts der bestehenden Rechtsordnungen keineswegs rechtlos.


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R. Forstner-Billau
Wien
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